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ver.di Bundeskongress tagte vom 17.09. – 24.09.2011 in Leipzig

Alle vier Jahre findet der ver.di Bundeskongress statt, auf dem die politische Ausrichtung von ver.di für die nächsten vier Jahre festgelegt wird. Die Fachbereiche (Branchen) und die Ebenen (Bezirke und Landesbezirke) haben hierzu die Möglichkeit, in ihren jeweiligen Konferenzen Anträge an den Kongress zu beschließen, die dort von den Delegierten beraten werden.
Außerdem werden mit dem Bundesvorstand das höchste hauptamtliche Gremium und mit dem Gewerkschaftsrat das höchste ehrenamtliche Gremium gewählt. Die beiden amtierenden Vorsitzenden, Frank Bsirske für den Bundesvorstand und Monika Brandl für den Gewerkschaftsrat, wurden mit überwältigender Mehrheit in ihren Ämtern bestätigt.

 

Christiane Pachulski, Vorsitzende des Frauenvorstands TK/IT, schildert ihre Eindrücke vom Kongress

Der ver.di Bundeskongress ist eine Veranstaltung mit 1000 Delegierten und vielen weiteren Gästen. Welche Aufgaben hat diese Veranstaltung und welchen Wert hat sie für die Mitglieder?

Ich möchte versuchen diese Fragen zu beantworten und meinen persönlichen Eindruck vom Kongress schildern, sicherlich keine allumfassende Zusammenfassung, nur eine subjektive Auflistung meiner Highlights.

Der Kongress ermöglicht es den Mitgliedern, über Anträge ihrer örtlichen Gremien und die Wahl ihrer Delegierten direkt und demokratisch Einfluss auf das Arbeitsprogramm und die politische Ausrichtung von ver.di zu nehmen. Eben diese Möglichkeit der Einflussnahme rechtfertigt aus meiner Sicht den großen finanziellen und arbeitsintensiven Aufwand. Denn ver.di ist eine Mitmachgewerkschaft – und die Mitglieder stehen im Mittelpunkt.

 

Der Auftakt: Willkommen bei ver.di 2011

Schon der Empfang war gigantisch. Durch eine große lichte Glashalle führte der Weg in das Kongresszentrum. Das Motto des Kongresses „Vereint für Gerechtigkeit“ leuchtete auf drei riesigen Leinwänden, der Song der Toten Hosen „You will never walk alone“ stimmte die Delegierten und Gäste auf die Kongresswoche ein.

Monika Brandl, die Vorsitzende des Gewerkschaftsrats und Frank Bsirske begrüßten die Delegierten und Gäste und blickten dabei auf 10 Jahre ver.di zurück.

„ver.di ist eine Mitmachgewerkschaft und sie ist weiblicher geworden“, kommentierte Frank Bsirske, und das konnte man auch deutlich bei einem Blick in die Runde erkennen. Mehr als die Hälfte der 1006 Delegierten war weiblich.

Mit einem Artistenspektakel begann der Kongress, junge Tänzer und Akrobaten begeisterten das Publikum und wurden mit tosendem Applaus belohnt.

 

Politische Rückschau – die ersten Reden

Aber auch unser Bundespräsident Christian Wulff erhielt kräftigen Beifall, denn er lobte die Gewerkschaften in Deutschland als unverzichtbaren Partner der Wirtschaft. Er verwies auf den Aufbau der sozialen Marktwirtschaft nach dem Krieg und auf die Bewältigung der Folgen aus der Finanzkrise. Er verlangte Spielregeln für die Banken und eine Aufwertung von sozialen Berufen. Der Bundespräsident empfiehlt allen Beschäftigten, Mitglied in einer Gewerkschaft zu werden, damit sie vereint ihre berechtigten Interessen durchsetzten können.

Michael Sommer, der DGB Vorsitzende, forderte in seiner Rede einen Mindestlohn von 8,50 Euro, gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit und ein starkes Europa für die Arbeitnehmer/innen.

Monika Brandl sprach in ihrem Geschäftsbericht von „Gerecht geht anders – wir wollen Europa, aber ein anderes Europa, ein sozial gerechtes Europa für die Menschen und nicht für die Finanzmärkte“.

Frank Bsirske gab einen Rückblick auf die Aktionen der letzten vier Jahre. Am Beispiel Schlecker machte er deutlich, dass es sich lohnt, wenn Menschen sich organisieren und wehren. Eine Ausgliederung der Beschäftigten in XL-Märkte zu Dumpinglöhnen und schlechteren Arbeitsbedingungen konnte verhindert werden. Dieser Erfolg war aber nur gemeinsam und mit einer starken ver.di möglich.

 

Ein Herzstück der Veranstaltung: Die Grundsatzrede von Frank Bsirkse

Am nächsten Morgen erwartete uns die Grundsatzrede von unserem Vorsitzenden Frank Bsirske. Ich kann ihm sehr gut zuhören, er spricht leidenschaftlich, aber auch anschaulich und stellt komplexe Themen verständlich dar. In einer 90-minütigen Rede spannte er den Bogen von der politischen Lage mit Bank- und Eurokrise über die Arbeitsbedingungen in unseren Betrieben zu den internen ver.di-Themen

Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung glauben, dass es in Deutschland ungerecht zugeht. Bankenkrise und Bankenrettung – aber der ungehinderte Casinokapitalismus geht weiter. Großen Teilen der Bevölkerung werden Sparmaßnahmen zugemutet und die Reichen und Superreichen kommen ungeschoren davon. ver.di baut dazu eine Gegenmachtmacht, ganz nach dem Motto dieses Kongresses „Vereint für Gerechtigkeit“. Nach dieser Passage gab es donnernden Applaus.

ver.di bringt die Themen in die Betriebe, zum Beispiel über Umfragen mit dem DGB-Index „Gute Arbeit“. Denn eine extreme Arbeitsverdichtung und der Leistungsdruck machen die Menschen krank, auch junge Kolleginnen und Kollegen sind bereits davon betroffen. Burnout und Depressionen werden immer häufiger, bereits ein Achtel aller Krankheiten sind psychisch bedingt. Hier muss dringend gegengesteuert werden. Aber dies wird uns nicht geschenkt, sondern wir müssen uns solidarisieren und den Arbeitgebern gewerkschaftliche Stärke entgegen stellen.

64 Prozent der Betriebe im Westen und 80 Prozent der Betriebe im Osten sind nicht mehr tarifgebunden. Die notwendige Konsequenz: Mehr Tarifverträge müssen für allgemeingültig erklärt und ein gesetzlicher Mindestlohn endlich verabschiedet werden.

Er mahnte uns aber auch zur Mitgliederwerbung, denn eine Gewerkschaft ist nur dort schlagkräftig, wo sie auch genügend Mitglieder hat.

Dies ist ein kleiner Einblick in die Grundsatzrede. Die ganze Rede ist im Internet nachzulesen. Es lohnt sich.

 

Jetzt wird gewählt!

Die Wahlen zum Bundesvorstand erfolgten einzeln und geheim. Frank Bsirske wurde mit einer Mehrheit von 94,7 Prozent wieder zum ver.di Vorsitzenden gewählt und mit einem tosenden Applaus bestätigt. Für den Fachbereich TK/IT wurde Lothar Schröder in den Vorstand gewählt, auch er konnte mit einer satten Zustimmung von 92,3 Prozent zufrieden sein. Die Vorsitzende des Gewerkschaftsrats, Monika Brandl, wurde ebenfalls im Amt bestätigt.

 

Richtungsentscheidungen für die nächsten vier Jahre

Fünf Tage Zeit haben wir uns für die Antragsberatung genommen. Drei dicke Ordner mit 1600 Anträgen standen vor mir auf dem Tisch und wollten bearbeitet werden. Eine fast unlösbare Aufgabe.

Aber die Antragsberatungskommission hatte sehr gut vorgearbeitet, die Anträge waren zu Sachgebieten gebündelt, gleichlautende Anträge waren zusammen gefasst und alle Anträge hatten eine Beschlussempfehlung bekommen. In Marathonsitzungen, die auch schon mal bis 23.00 Uhr dauerten, wurde hart aber immer fair um die Ausrichtung der ver.di für die nächsten vier Jahre gerungen. Es war anstrengend, bis zu vierzig Wortmeldungen zu einem Antrag zuzuhören. Doch es hat sich gelohnt. Denn es liegt auch eine Verantwortung auf den Delegierten, legen sie doch für die nächsten vier Jahre den Kurs der Gewerkschaft fest. Intensiv diskutiert wurden etwa Anträge zur Höhe des Mindestlohns, zu Frieden und Sicherheit und einem Renteneintrittsalter mit 60 Jahren.

 

Und dann war da noch:

Sehr interessant war es auch, den verschiedenen Gästen zuzuhören. Politiker von SPD, CDU, den Grünen und der Linken stellten sich einer Podiumsdiskussion und sprachen an einem Parlamentarischen Abend über ihre Programme.

Besonders beeindruckt hat mich der Bericht einer kolumbianischen Kollegin. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter werden in Kolumbien verfolgt, müssen körperliche Gewalt und den Tod fürchten, wenn sie sich für die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen einsetzten. Ich wäre wohl nicht so mutig, deshalb gehört diesen Gewerkschaftlerinnen und Gewerkschaftlern mein größter Respekt.

 

Ausklang ...

Es war eine sehr lange und ansprengende Woche in Leipzig, mit vielen, vielen Eindrücken. Hat sich diese Woche in Leipzig gelohnt? Leipzig habe ich leider nicht gesehen, dass werde ich ein anderes Mal privat nachholen, aber die Woche Kongress hat sich sicherlich gelohnt. Solidarisch mit so vielen Menschen an einem Strang zu ziehen, sich für Verbesserungen in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz einzusetzen, das war ein tolles Erlebnis.

„Vereint für Gerechtigkeit“ – ich habe es gespürt, gemeinsam können wir es schaffen.

 
 

Wichtig ist das Netzwerken – die Gewerkschaft ver.di ist mein Netz, in das ich mich fallen lassen kann. Nur gemeinsam sind wir stark und bilden ein Gegengewicht zum Arbeitgeber.

Bettina B., freigestellte Betriebsrätin, Stuttgart